Der Handstreich des Prinzen Eugen auf Cremona im Jahre 1702


Der Kriegsschauplatz Italien bis 1702

Das Aussterben der spanischen Linie der Habsburger führte wie allgemein bekannt zum Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714), einer Allianz europäischer Staaten unter der Führung Österreichs und Englands gegen die Vormachtstellung Frankreichs auf dem Kontinent. Bevor jedoch England, Holland, Preußen, geschweige denn die kleinen deutschen Staaten in den Krieg eintraten, trugen die österreichischen Habsburger alleine die Last des Krieges gegen den mächtigen Gegner. Schon früh hatte Prinz Eugen von Savoyen, kaiserlicher Feldmarschall und Sieger von Zenta  erkannt, dass ein Krieg gegen Frankreich auch in Oberitalien ausgetragen werden würde und drängte auf die Entsendung einer Armee in die Lombardei. Zugunsten des Aufmarsches am Rhein wurde Italien jedoch vernachlässigt und so konnten die Franzosen ungehindert ins Mailändische vorstoßen und die wichtigsten festen Plätze bis zu den Etsch - und Mincio – Übergängen unter ihre Kontrolle bringen. Angesichts dieser Bedrohung erhielt Eugen am 21. November 1700 den Oberbefehl über die Italienarmee und begab sich im Frühjahr des folgenden Jahres zu den Truppen, die von Graf Starhemberg in Rovereto südlich von Trient  gesammelt worden waren (18000 Mann, 7 Infanterieregimenter, 3 Kavallerieregimenter).
Die Franzosen hatten natürlich mit dem Eindringen einer Armee von Norden gerechnet und sperrten alle Pässe nach Italien. Der französische Oberbefehlshaber, Marschall Catinat, erwartete das kaiserliche Heer in der Etschklause, doch Eugen hatte sich entschieden, den schwierigen Übergang über die Lessinischen Alpen im Südosten zu wagen. Mit geschickten Täuschungsmanövern führte er die Franzosen in die Irre und bewerkstelligte es, seine Streitmacht praktisch ohne Ausfälle über das unzugängliche Gelände zu bringen. Während sich ein Korps zur Ablenkung immer noch im Etschtal befand und am Gardasee zum Schein Schiffe zusammengezogen wurden, marschierte das Gros des Heeres mitsamt der Artillerie auf Saumpfaden in Höhen von bis zu 1200 Metern gen Süden. Zahlreiche Stiche und Flugschriften unterrichteten bereits die Zeitgenossen über die außerordentliche Kriegstat und sprachen bewundernd vom „sehr mühsamen und Wunderns würdigen Marsch der kayserlichen Armee über die Tyrolischen und Alt Norischen Alpen“. 



Prinz Eugen als Sieger von Carpi und Chiari;
Kupferstich von Jacob Andreas Pfeffel d. Ä.
Francois de Neufville, Duc de Villeroy (1644-1730);
Stich von Gérard Edelinck nach einem Gemälde von Rigaud
Als Eugen mit seinem Heer plötzlich im Rücken der Franzosen auftauchte, waren diese wie vom Donner gerührt. Catinats Streitmacht (42000 Franzosen, Schweizer, Savoyarden und Spanier) war der des Prinzen bei weiten überlegen, doch der Feldherr zersplitterte sie in seiner Verwirrung und setzte sie, da er kein klares Bild der Lage gewinnen konnte falsch ein. Eugen nutzte diesen Vorteil geschickt aus: Nachdem er die Etsch südlich von Verona überquert hatte, schlug er am 9. Juli ein französisches Korps bei Carpi und errang bereits im ersten Aufeinandertreffen einen klaren Sieg. Diese erste größere Kampfhandlung des Spanischen Erbfolgekrieges war für den Kaiser vor allem ein moralischer Erfolg, hatte sie doch bewiesen, dass man bereit und auch in der Lage war, den Kampf aufzunehmen.

Prinz Eugen zwang den Franzosen durch seine geschickten Manöver das Gesetz des Handelns auf: Catinat  musste die Stellung an der oberen Etsch aufgegeben, wodurch der Weg nach Südtirol nun frei war und für Eugen bot sich die Gelegenheit, entweder südwärts zum Po vorzurücken, oder den Mincio zu überqueren und Richtung Mailand zu marschieren. Er entschied sich für Letzteres und konnte zu seiner großen Überraschung am 28. Juli ungehindert bei Salionze über den Fluss setzen. Er blieb so einerseits in Verbindung mit Tirol, andererseits bedrohte er die Lombardei – genau jene Lage, die Catinat durch seine Sperren an der Etsch und am Gardasee zu verhindern versucht hatte.

Überhaupt geriet der Marschall durch seine unglücklichen Manöver immer mehr in die Kritik und der verärgerte Ludwig XIV. setzte ihm schließlich Marschall Villeroy vor die Nase (Catinat blieb stellvertretender Kommandeur). Francois de Neufville, Duc de Villeroy, war gemeinsam mit dem Sonnenkönig erzogen worden und er war ein perfekter Höfling, jedoch ein wenig befähigter Militär, der seine wiederholten Kommandos nur seiner Stellung bei Hofe verdankte. Von ihm wurde erwartet, dass er den Befehl seines Herren,  umgehend zur Offensive überzugehen, auch in dessen Sinne umsetzte. Der neue Befehlshaber plante dem Feind von Süden her nachzusetzen, ihn von Brescia abzuschneiden und in der Feldschlacht endgültig zu schlagen. Prinz Eugen erwartete ihn in dem durch Schanzen verstärkten Ort Chiari, wo es am Nachmittag des 1. September zur Schlacht kam. Ein heftiges Herbstgewitter begleitete den Ansturm der Franzosen, der jedoch im massierten Abwehrfeuer der Kaiserlichen zum Erliegen kam. Als dann noch Gegenangriffe auf seine Flanken geführt wurden und bereits gewonnene Stellungen wieder verloren gingen, befahl Villeroy den Rückzug. Wiederum war es kein entscheidender Sieg gewesen, denn obwohl die Verluste der Franzosen mehr als zehnmal so hoch waren (etwa 2000 Mann), waren auf beiden Seiten nur Teile der Armeen eingesetzt gewesen, doch Villeroy verfiel nach seiner ersten gescheiterten Offensive in eine ähnliche Ratlosigkeit wie zuvor Catinat. Nachdem man sich noch über zwei Monate tatenlos gegenübergelegen war, ging Villeroy am 13. November ins Winterquartier.

Die Folgen der Siege des Prinzen auf der politischen Ebene waren hingegen der kaiserlichen Sache mehr als hilfreich. Da Italien im Jahre 1701 der einzige Kriegsschauplatz des gerade beginnenden Spanischen Erbfolgekrieges war, galt ihm natürlich die ganze Aufmerksamkeit Europas. Eugen hatte sich durch seine außergewöhnlichen Taten die Bewunderung der Gegner Frankreichs zugezogen, besonders der Engländer. Für die kaiserlichen Gesandten in London und Den Haag hätte es keine bessere Unterstützung in ihren Bemühungen die Seemächte zu gewinnen gegeben, als die Siege des Prinzen bei Carpi und Chiari und so wurde am 7. September 1701 die große Allianz zwischen dem Kaiser, England und den Generalstaaten der Vereinigten Niederlande gegen die Vormachtstellung der Bourbonen geschlossen. Auch Preußen, dessen Unterstützung sich der Kaiser durch die Verleihung der Königswürde an den Kurfürsten Friedrich III. 1700 gesichert hatte, trat der Haager Allianz bei.

Aus strategischer Sicht gesehen stellte sich die Lage schon etwas weniger begeisternd dar. Eugen war es weder gelungen die Lombardei zu erobern, noch die Verbindung mit Neapel herzustellen, doch wäre dies mit den ihm zur Verfügung stehenden Kräften mehr als unrealistisch gewesen. Überhaupt war die materielle Lage der kaiserlichen Truppen sehr schlecht, da sowohl Geld und Nachschub, als auch Verstärkungen ausblieben. Zu Beginn des Jahres verfügte Prinz Eugen über 10 Infanterie-, 9 Kavallerie- (Kürassier-) und 4 Dragonerregimenter, dazu etwa 70 Feldgeschütze und 4 Mörser. Mit diesen Kräften konnte und wollte er im kommenden Jahr nicht gegen Mailand und Neapel gleichzeitig operieren und der Plan wurde etwas später auch von offizieller Seite aufgegeben. Der Feldmarschall wandte sich in seinen Planungen wieder ganz Oberitalien zu und noch bevor um eine weitere wichtige Stadt, wie etwa Piacenza, gerungen wurde, führte er sein wahrscheinlich außergewöhnlichstes Unternehmen durch – den Handstreich auf Cremona.

Der Handstreich auf Cremona

Während der Wintermonate 1701/1702 hatte eine kühne Idee den Prinzen immer mehr in ihren Bann gezogen: Die Festung Cremona im Hinterland des Feindes, wo sich das Hauptquartier Villeroys befand, zu infiltrieren und die Führung der französischen Armee mitten im Winter auszuschalten. Ein derartiges Kommandounternehmen, heute würde man es wahrscheinlich Enthauptungsschlag nennen, war ein für die barocke Kriegsführung ebenso ungewöhnliches, wie völlig neuartiges Konzept. Auf die Idee hatte den Prinzen ausgerechnet ein Pfarrer, der ein Parteigänger der Österreicher war, gebracht  - der Propst von Santa Maria la Nuova in Cremona, Antonio Cosoli. Er wies die Kaiserlichen auf einen trockenen Kanal, durch den man aus dem Festungsgraben unbemerkt in die Stadt eindringen konnte und der in seinem Haus endete, hin. Auf diesem geheimen Weg in die Stadt baute Prinz Eugen seine Planung auf:

400 Mann sollten zunächst nächtens in den Festungsgraben steigen und durch den Kanal unbemerkt in die Stadt eindringen. Nachdem sie die Torwachen an der Porta Margerita überwältigt hätten, sollten sie den Kürassieren unter Graf Mercy den Zugang zur Stadt öffnen. Während weitere Truppen durch das geöffneten Stadttor eindringen und sich der wichtigsten Plätze und Häuser im Inneren der Stadt bemächtigen sollten, würden die Kürassiere quer durch Cremona zum Po-Tor jagen und dieses für eine zweite starke Abteilung, die am südlichen Po-Ufer entlangmarschiert war, öffnen. Die überrumpelte französische Garnison würde sich den Kaiserlichen ergeben müssen und das gegnerische Hauptquartier wäre in der Hand des Prinzen.

Seine Einheiten gruppierte der Prinz folgendermaßen: Die Infanterieregimenter Gschwind, Herberstein, Bagni, Lothringen und Kriechbaum sowie die Neuburg-, Taaffe-, und Lothringen-Kürassiere unter dem Oberkommando des Grafen Starhemberg wurden für den ersten Angriff auf Cremona bereitgestellt. Der Prinz Vaudémont sollte jene Abteilung bestehend aus den Infanterieregimentern Starhemberg und Daun, sowie den Dietrichstein-Dragonern, Vaudémont- und Darmstadt-Kürassieren entlang des Po an Cremona heranführen und dann in der zweiten Phase in die Stadt eindringen.

Auf französischer Seite waren die Vorbereitungen der Kaiserlichen natürlich nicht unbemerkt geblieben und man war sich auch durchaus der Gefahr für eines der Winterquartiere zwischen Oglio und Po bewusst, von dem geplanten Unternehmen gegen Cremona hatte man aber nicht die geringste Ahnung. Nichtsdestotrotz wurden 1000 Mann von denen Eugen nichts wusste in Cremona zurückgehalten. Insgesamt lagen 12 französische und irische Bataillone sowie 12 Schwadronen zum Schutz des Oberkommandos in der Stadt. Villeroy war erst am 31. Jänner von einer Besichtigungsreise zurückgekehrt und verbrachte die regnerische, kalte Winternacht seelenruhig in seinem Quartier, während die kaiserlichen Truppen schon ganz nahe an Cremona herangerückt waren.

Der Anmarsch der Kaiserlichen hatte sich durch das schlechte Wetter und den Schlamm verzögert und so stiegen erst zwischen fünf und sechs Uhr früh des 1. Februar 1702 die ersten Soldaten in den Kanal, um, von den französischen Posten unbemerkt, in die Stadt einzudringen. Gegen sieben Uhr traten dann die Kommandos auf die Straßen und der erste Franzose, der ihnen über den Weg lief, war ausgerechnet der Koch des General Crénan, der, als er die Eindringlinge sah, sofort seinen Herren benachrichtigte. Die Torwachen an der Porta Margerita wurden wie geplant überrumpelt und das Tor geöffnet, woraufhin Mercys Kürassiere durch die Stadt zum südlichen Tor sprengten. Prinz Eugen, Starhemberg und Comercy drangen mit weiteren Truppen in die Stadt ein, als in Cremona Alarm gegeben wurde.
In der Zwischenzeit war auch Villeroy von seinen Dienern geweckt worden und er ritt, nachdem er befohlen hatte, alle wichtigen Papiere und die Chiffreschlüssel zu verbrennen, zum Kastell, um von dort die Verteidigung zu organisieren. Doch auch im Stadtzentrum tobte bereits der Straßenkampf und als er an der Piazza grande vorbeikam wurde er von feindlichen Soldaten gestellt und gefangen genommen. Der irische Hauptmann Macdonnell brachte den prominenten Gefangenen, dessen Identität noch nicht bekannt war, fort. Als dieser dann versuchte, sich seine Freiheit mit dem Angebot eines Regimentskommandos für den Iren und 1000 goldenen Pistolen zu erkaufen, war klar um wen es sich handelte. Nachdem ihn Prinz Eugen und Commercy kurz besucht hatten, wurde Villeroy gemeinsam mit dem schwer verletzten General Crénan umgehend aus der Stadt geschafft.

Gefahr war in Verzug, denn die Lage hatte sich für die Kaiserlichen nicht gerade positiv entwickelt. Der Widerstand der französischen Truppen war stärker als erwartet und durch die Verzögerungen beim Eindringen in die Stadt waren in den frühen Morgenstunden einige Bataillone schon beim Exerzieren und damit voll einatzbereit. Mercy war mit seinen Kürassieren vor dem Po-Tor durch den hartnäckigen Widerstand eines irischen Bataillons aufgehalten worden und er musste, nachdem die Iren eine Aufforderung ihres Landsmannes Macdonnel zum Überlaufen abgelehnt hatten, Infanterie und Artillerie anfordern. Vom Kastell aus, von wo General Revel der nunmehrige Befehlshaber, die Operationen leitete, rückten die Franzosen entlang der Festungswälle vor und drohten die Kaiserlichen zu umfassen. Zudem war vom Korps Vaudémont am südlichen Ufer des Po nichts zu sehen, da sich auch der Marsch dieser Abteilung beträchtlich verzögert hatte. Selbst wenn er pünktlich gewesen wäre, mit dem südlichen Einfallstor fest in der Hand der Franzosen war der ganze Plan nicht mehr realisierbar. Als Vaudémont schließlich um die Mittagszeit auftauchte, entschied sich Prinz Eugen, die gewagte Aktion abzubrechen, obwohl die halbe Stadt in seiner Hand war und das Kastell in Flammen stand. Doch seine Männer waren den Franzosen zahlenmäßig unterlegen und sie standen seit Stunden im mörderischen Straßenkampf. Nun galt es die Truppen noch sicher durch die Porta Margerita aus der Stadt zu bringen und bei Einbruch der Dunkelheit verließen die Kaiserlichen geordnet die Stadt Richtung Norden. Graf Mercy, der mit seinen Kürassieren noch einen Entlastungsangriff gegen die nachdrängenden Franzosen führte, geriet verwundet in Gefangenschaft.


Flugblatt zum Handstreich auf Cremona;
Im Vordergrund: Cosoli verrät dem Prinzen die Anlage des Kanals;
Vordergrund rechts: Plan von Cremona;
Im Mittelgrund: Prinz Eugen arbeitet den Plan aus;
Hintergrund: militärische Durchführung


Die Kaiserlichen hatten fünf Standarten und drei Fahnen erobert und sie führten 300 Gefangene, darunter 62 Offiziere, sowie 500 Beutepferde aus der Stadt. Doch ihre Verluste waren ebenfalls beträchtlich: 234 Tote, 189 Verletzte und 340 Gefangene und Vermisste, da viele im Häuserkampf stehende Soldaten bei der Absetzbewegung zurückgelassen wurden. Die Verluste der überrumpelten Franzosen waren natürlich noch höher: Sie hatten 560 Tote und über 500 Verwundete zu beklagen.
Im Grunde genommen war die Aktion gescheitert, da es nicht gelungen war, Cremona einzunehmen und die dort stehenden Truppen zu besiegen. Die Verzögerungen beim Anmarsch der beiden Abteilungen der Kaiserlichen und der unglückliche Zufall, dass an diesem Tag bereits einige französische Bataillone unter Waffen standen, hatten das waghalsige Konzept zum Scheitern gebracht.
Immerhin, man hatte den französischen Oberbefehlshaber gefangen genommen, doch war auch dies nicht unbedingt zum Vorteil des Prinzen, da der unfähige Villeroy durch einen der besten Generale der Franzosen, Ludwig von Vendôme, ersetzt werden sollte.

Die Bedeutung des Handstreichs, lag jedoch wieder in seiner Wirkung auf die Öffentlichkeit. Ganz Europa blickte bewundernd auf den Prinzen, der den Franzosen, die sich nun nirgends mehr sicher fühlen konnten, Schlag um Schlag versetzte. Wäre der Plan aufgegangen, hätte dies für die feindliche Italienarmee katastrophale Folgen gehabt, wie einer der größten Bewunderer des Prinzen, Friedrich II. von Preußen, später bestätigte: „Prüfen wir einmal, welche Folgen die Einnahme von Cremona gehabt hätte, wenn Prinz Eugen die Stadt hätte halten können. Erstens hätte er die ganze französische Generalität gefangen genommen. Niemand hätte den in den Kantonnementsquartieren zerstreuten Truppen Befehle geben können. Er wäre über die verzettelte feindliche Armee hergefallen, hätte sie im einzelnen vernichtet, und der fliehende Rest wäre glücklich gewesen, in kleinen Trupps die Alpen zu erreichen und sich nach Frankreich zu retten.“
Kritik gab es eigentlich nur von seinen Neidern im Wiener Hofkriegsrat, die seinen ‚Croatenritt’ verurteilten und ihm Fahrlässigkeit vorwarfen, da er durch die tollkühne Aktion, sich selbst und damit die Italienarmee des Kaisers unnötig in Gefahr gebracht hatte.
Natürlich vergaben ihm auch die Franzosen diesen ungeheuren Bruch der damaligen Konventionen der Kriegsführung, bei der sich die gegnerischen Generale für gewöhnlich in Kavaliersmanie begrüßten, sich gegenseitig Geschenke machten und  zu den Erfolgen beglückwünschten, nicht. Auf einem Kalenderblatt, das den feierlichen Einzug Phillips II. in Neapel darstellt, wird der ‚Verrat von Cremona’ (Surprise en Trahison par l’Armée de l’Empereur) unter den wichtigsten militärischen Treffen besonders hervorgehoben.                  

Aus militärhistorischer Sicht ist es jedoch genau dieser Bruch mit den Konventionen, der den Handstreich von Cremona auszeichnet. Prinz Eugen war schon vorher der materiellen Überlegenheit des Gegners ausgewichen und ließ sich nur auf Gefechte gegen Teile der feindlichen Armee, oder aus einer aussichtsreichen Position heraus ein. Der Überfall auf dem im Winterquartier ruhenden Gegner ist in demselben Zusammenhang zu sehen. Dass der Prinz aber bei dieser Aktion, die zweifellos als eines der ersten Kommandounternehmen der Geschichte gelten kann, gezielt auf das feindliche Oberkommando losging, war völlig neuartig und unterstreicht das kühl kalkulierende Denken und den Einfallsreichtum des Feldherren, der wie kein anderer seiner Zeit das Geschick Österreichs bestimmte.

                                    Alexander Schober  


Literatur:

  • Max Braubach, Prinz Eugen von Savoyen. Eine Biographie . 5 Bde (Wien 1963 – 1965). Standardwerk; Umfangreiche Darstellung u.a. des Krieges in Italien.
  • Karl Gutkas (Hg.), Prinz Eugen und das barocke Österreich (Salzburg 1985). 35 Aufsätze in einem prächtigen Band mit zahlreichen Abbildungen. Darin:    Peter Broucek, Die Feldzüge Prinz Eugens. Erich Gabriel, Die Bewaffnung des kaiserlichen Heeres zur Zeit des Prinzen Eugen. Franz Kaindl, Militärische Insignien und Uniformierung zur Zeit des Prinzen Eugen.
  • Ernst Trost, Prinz Eugen. Eine Biographie (Wien 1985). Populärhistorisches Werk. Flüssig und interessant geschrieben.
  • Gottfried Mraz, Prinz Eugen. Ein Leben in Bildern und Dokumenten (München 1985). Weniger Text, dafür über 400 Abbildungen z.T. in Farbe.
  • Feldzüge des Prinzen Eugen von Savoyen, hg. vom K. K. Kriegsarchiv, 22 Bde. (Wien 1876-1892). Umfangreichstes Werk zu den militärischen Ereignissen der Zeit. 


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