Wilhelm Reinhard Graf Neipperg
k. k. Feldmarschall, Ritter des Goldenen Vlies




Die Neipperg (in manchen Urkunden auch als Neuperg, Nibberg o. Ä.) waren ein altes Rittergeschlecht, dessen Vorfahren bereits in den Turnierbüchern des 11. Jahrhunderts erwähnt sind. Das alte Stammschloss Neipperg liegt in Schwaben. Von hier verbreitete sich die Familie nach Österreich, die Steiermark und die Schweiz. Viele Familienmitglieder dienten im kaiserlichen Heer und erreichten hohe Generalsränge.
Der Vater Wilhelm Reinhards, Graf Eberhard Friedrich (1655 - 1725) erreichte im kaiserlichen Heer den Rang eines Feldmarschalls und war 1710 Kommandant der Festung Philippsburg. Er wurde vom Kaiser auch mit diplomatischen Missionen betraut und nahm 1711 als Bevollmächtigter an den Friedensverhandlungen mit den ungarischen Aufständischen in Szatmar teil. Während seiner Herrschaft wurde das Schloss in Schwaigern großzügig umgebaut.

Wilhelm Reinhard, Graf Neipperg, wurde am 27.5.1684 als Sohn des Eberhard Friedrich, Frhr. v. Neipperg und der Margarethe Lucretia von Hornberg in Schwaigern (Schwaben) geboren. Seine Jugendjahre verbrachte er in Stuttgart, kam aber bereits um das Jahr 1700 nach Wien. Er folgte seinem Vater und trat im Alter von 18 Jahren in die k. k. Armee ein. Dank seiner Abstammung stieg er schnell auf der Karriereleiter empor und war bereits 1716 Oberst eines Infanterieregimentes, mit dem er in den Türkenkriegen bei Temesvár und Belgrad kämpfte.
Während des Winters 1716/17 blieb Neipperg mit 2 Bataillonen als Besatzung der kleinen Festung Uj-Palanka.
Im April 1717 bekam Neipperg von G.d.C. F. Mercy den Auftrag Transportschiffe mit Proviant zu den Feldmagazinen nach Pancsova zu bringen, was ihm ohne größere Probleme gelang.
Bereits 1717 befehligte er das Regiment seines Vaters, 1724 wurde er nach dem Verzicht seines Vaters auch sein Inhaber (es war das spätere IR Nr. 7).
Das wichtigste Jahr, in dem die Weichen für sein weiteres Leben gestellt wurden, war 1723. In diesem Jahr wurde er zum Generalmajor ernannt - und was viel bedeutender war - er wurde zum Erzieher des Herzogs Franz Stephan von Lothringen, dem späteren Gemahl Maria Theresias (als Kaiser Franz I.) berufen. Diese Funktion öffnete ihm den direkten Zugang zur Kaiserfamilie, in Franz Stephan. hatte er immer einen mächtigen Fürsprecher.


FM Neipperg, Miniatur 13 x 16 cm, Öl auf Zink, Schloss Zleby/CZ


Mit kaiserlicher Zustimmung heiratete er 1726 die Hofdame Maria Franziska Gräfin Khevenhüller (*1702 - 1776), deren Vater Franz Ferdinand v. K. ebenfalls in kaiserlichen Diensten stand und von Karl VI. sehr geschätzt wurde. Der Kaiser hatte Neipperg wenige Wochen vor der Heirat am 5.2.1726 zum Reichsgraf mit dem Prädikat "Hoch - und Wohlgeboren" erhoben.
Die Neippergs waren evangelisch. Wilhelm Reinhard trat jedoch noch vor seiner Bestellung zum Erzieher von Franz Stephan zum katholischen Glauben über (nach einem Beitrag des evang. Pfarrers von Schwaigern war das im Jahre 1717, das Datum ist jedoch weiter nirgends belegt). Er übte aber weiterhin das Patronat über die evangelische Kirche in Schwaigern aus und hinderte auch seine evangelischen Untertanen nicht in der Ausübung ihrer Religion. In der Schlosskapelle war allerdings ein katholischer Schlosskaplan, der sich jedoch größter Zurückhaltung gegenüber den Evangelischen im Ort verpflichten musste.

1730 wurde Neipperg zum Gouverneur von Luxemburg und der Grafschaft Chiny ernannt Im Spanischen Erbfolgekrieg wurde er 1733 dem Stabe Prinz Eugen v. Savoyen zugeteilt, erhielt den Rang eines Feldmarschall-Lieutenants und nahm an dem erfolglosen Entsatzversuch von Philippsburg teil. Im folgenden Jahr war er zur Armee in Norditalien eingeteilt.
In der Schlacht bei Guastalla am 19.9.1734 befehligte er mit Graf Colmenero in den Nachmittagsstunden sieben Bataillone der Reserve, an deren Spitze er die piemontesische Garde angriff. Seine Truppen wurden jedoch von GL Mallebois in der Flanke angegriffen und zurückgedrängt. Graf Colmenero fand hierbei den Tod.
Am 11.10.1734. (und nicht 1733, wie C. v. Wurzbach angibt!) führte Neipperg mit GFWM Prinz Hildburghausen ein Korps von 5.000 Mann zum Entsatz der von Franzosen belagerten Festung Mirandola. Als Marschall Mallebois die Nachricht vom Anmarsch der Kaiserlichen erhielt, brach er die Belagerung ab und flüchtete nach Modena. Neipperg rückte mit seinen Truppen anschließend wieder zur Hauptarmee des Grafen Königsegg bei Le Grazie. Anfang November erhielt Neipperg den Befehl mit 9 Bataillonen und 5 Kavallerieregimentern gegen die Stellungen der Franzosen vorzurücken, um sie zu beunruhigen. Anschließend wurden Winterquartiere entlang des Oglio bezogen.
Im Jahre 1735 zum General-Feldzeugmeister ernannt (FZM) blieb Neipperg auf dem italienischen Kriegsschauplatz. Am 15.5. überschritt er an der Spitze der Vorhut den Oglio und besetzte das linke Ufer. Er befehligte bei dem weiteren Vormarsch ein Korps. Nach den für die Kaiserlichen meist ungünstig verlaufenen Gefechten musste das rechte Po Ufer geräumt und der Rückzug nach Tirol angetreten werden. Als im Oktober die Armee FM Königsegg wieder nach Norditalien vorrückte, übernahm Neipperg das Kommando über die in Tirol verbliebenen Bataillone. Ende des Jahres wurde zwischen den kämpfenden Parteien ein Waffenstillstand vereinbart, die Truppen bezogen Winterquartiere in Norditalien.

1737 folgte er dem in Ungnade gefallenen Grafen Hamilton auf dem Posten des Gouverneurs des Temeser Banats. Als ein neuer Krieg gegen die Türken ausbrach, wurde FZM Graf Neipperg wieder zur Armee in Ungarn berufen. 1739 sammelte er bei Temesvár ein Korps, das aus Regimentern, die auf dem Marsch aus den Erblanden nach Ungarn waren, bestand. Ende Juni war das ca. 14.000 Mann starke Korps komplett und südlich Becskerek angelangt. Die Hauptarmee unter FM Georg Olivier, Graf Wallis rückte inzwischen von Belgrad nach Norden. Wallis entschied sich - ohne auf das Neipperg´sche Korps zu warten - die türkische Armee bei Grocka zu überfallen. Neipperg war mit dem Husarenregiment Károlyi (das spätere Nr.6) zu Wallis geritten und dann zu seinem Korps zurückgeeilt um es nachzubringen.
Die Schlacht von Grocka am 22.7.1739 wurde zu einer der blutigsten im ganzen Türkenkrieg und endete mit dem Rückzug der Kaiserlichen bis Belgrad. Neipperg konnte in das Geschehen nicht mehr eingreifen, nur noch 5 seiner Karabinierkompanien konnten beim Rückzug in Aktion treten.
Die Türken belagerten inzwischen Belgrad, Wallis machte keinen Versuch mit seinen Truppen die Belagerung auch nur zu stören.
Neipperg wurde mit den Verhandlungen über einen Präliminarfrieden mit den Türken betraut. Er begab sich zu den Verhandlungen in das Lager des Großvezirs, der ihn sehr übel behandelte. Von der Außenwelt abgeschnitten (Wallis unterschlug sämtliche Direktiven, die aus Wien an Neipperg geschickt wurden), von dem französischen Gesandten Villeneufve falsch informiert und überredet, vereinbarte er am 1.9.1739 einen für Habsburg höchst unbefriedigenden Vertrag, durch den die Türken Belgrad, Orsova, Serbien und die österreichische Walachei erhielten.
Der schimpfliche Frieden wurde nur widerwillig von Kaiser Karl VI. am 2.10. unterzeichnet. In einem Zirkularschreiben an die Gesandten der europäischen Höfe betonte Karl VI. dass der Frieden ohne kaiserlichen Befehl zustande kam und Neipperg seine Vollmachten überschritten hätte.
Wallis und Neipperg wurden anschließend verhaftet. Neipperg wurde für einige Zeit in der Festung Glatz festgesetzt (nicht auf dem Spielberg in Brünn, wie C. v. Wurzbach in seiner Biographie auf S. 160 schreibt), nach des Kaisers Tode 1740 allerdings auf Betreiben des Gemahls Maria Theresias, Franz Stephan, wieder in volle Gnaden aufgenommen.

Nach dem Friedrich II. am 16.12.1740 das völlig unvorbereitete Kaiserreich überfallen hatte und in Schlesien einmarschiert war, erhielt Neipperg das Kommando über die sich in Mähren und Schlesien sammelnden Truppen.
Am 10.4.1741 kam es bei Mollwitz (Malujovice/PL) zum ersten Kräftemessen mit König Friedrich II. Die Preussen waren bei der Infanterie und Artillerie den Kaiserlichen doppelt überlegen, Neipperg hatte außerdem in seinen Infanterieregimentern überwiegend unerfahrene Rekruten.
Die Kavallerie unter GM v. Römer kam anfangs unter schweren Beschuss preussischer Kanonen. Als die Verluste immer bedrohlicher wurden, gab Römer den Befehl zur Attacke, obwohl der Aufmarsch der eigenen Infanterie noch nicht abgeschlossen war. Trotzdem hatten die Kaiserlichen anfangs Erfolge zu verzeichnen. Friedrich II. hatte bereits auf Anraten GL Schwerin das Schlachtfeld verlassen, als es den Preussen gelang, die Schlacht doch noch zu gewinnen.
Neipperg gab die Schuld an der Niederlage seiner unerfahrenen Infanterie und GM Römer, der zu früh attackiert hatte. Die geschlagene Armee zog sich nach Mähren zurück. Trotzt dieser Niederlage wurde Graf Neipperg zwei Tage nach der Schlacht zum Feldmarschall (FM) ernannt.

1742 übernahm den Oberbefehl Karl Prinz v. Lothringen. Neipperg nahm dann noch im Rahmen des kaiserlichen Kontingents unter Herzog v. Arenberg am Feldzug der Pragmatischen Armee und der Schlacht bei Dettingen 27.6.1743 teil. Bald danach ging er nach Wien. 1753 wurde er zum kommandierenden General in Österreich ernannt, im gleichen Jahr erhob ihn der Kaiser zum Ritter des Goldenen Vlies. 1754 begleitete Graf Neipperg Kaiser Franz I. in das Übungslager bei Kolin.
Im Oktober 1755 wurde er zum Vizepräsidenten des Hofkriegsrates ernannt. Der alte Graf Harrach, der nicht mehr in der Lage war sein Haus zu verlassen, blieb zwar auf Wunsch Maria Theresias, die den verdienten Marschall nicht in den Ruhestand schicken wollte, weiterhin Präsident des Gremiums, Neipperg führte jedoch die Geschäfte und war der wirkliche Leiter. In dieser Funktion bildete er mit Franz Stephan v. Lothringen die "konservative Allianz", die sich in späteren Jahren oft den reformatorischen Ideen FM Dauns
entgegenstellte. Seinem Nachfolger FM M. U. Browne machte Neipperg das Leben schwer, in dem er meist anderer Ansicht über die Kriegsführung war als Browne.
Graf Neipperg starb am 26.5.1774 im Alter von 90 Jahren und wurde in Wien in der Schottenkirche in der Gruft der Familie Khevenhüller beigesetzt.

Privatleben und charakterliche Eigenschften des FM Grafen W. R.v. Neipperg

Aus der Ehe mit Gräfin Franciska Khevenhüller stammt Sohn Leopold Johann Nepomuk v. N. (*1728) der in staatlichen Diensten tätig war, und die Töchter Johanna Juliane Christine (*1727, verh. mit Thomas Franz Joseph, Marquis d´Yve de Bavay, Frhr. z. Brandenburg) und Maria Wilhelmine Josepha v. N. (*1738, verh. mit Johann Adam Joseph, Fürst v. Auersperg).
Die Besitztümer der Familie in Schwaben waren das Städtchen Schwaigern, die Dörfer Neipperg, Klingenberg, Massenbachhausen und die Ortschaften Adelshofen und Gemmingen (letztere mit den Frhr, v. Gemmingen gemeinschaftlich). Nachkommen leben noch heute auf dem Schloss in Schwaigern.
Die Zeit zwischen seinen Feldzügen verbrachte der Graf meist in dem Stadtpalais der Familie in Wien. Er verlor jedoch seine Herrschaft in Schwaben nie aus den Augen und kümmerte sich gewissenhaft um weitere wirtschaftliche Verbesserungen. Seine finanzielle Lage ermöglichte es ihm, seine Töchter mit großzügiger Mitgift zu versorgen In seinem Testament vermachte er ihnen zusätzlich je 100.000 fl. Er hatte 1771 ein Fideikommiss für seine Familie gegründet in dem festgelegt war, dass sein Sohn Leopold das in Wien gelegene Haus erhält.

Neipperg war sicher ein tapferer Soldat, als Feldherr wurde er auch von Friedrich II. geschätzt. Seinen doch schnellen Aufstieg verdankte er aber dem guten Verhältnis ja Freundschaft zu Kaiser Franz I. dessen Instruktor er ja ab 1723 einige Jahre war. In Wiener Kreisen sprach man darüber, dass Neippergs junge Tochter Maria Wilhelmine, Prinzessin v. Auersperg eine der Mätressen Kaiser Franz Stephan war, was die Bindung zum Kaiser sicher noch enger machte.
Als Feldherr war er recht eigensinnig und konnte beharrlich - manchmal recht verschrobene - Meinungen vertreten. Bei der Durchführung bestimmter Projekte war er nicht der schnellste, oft pessimistisch veranlagt neigte er zur Panik. Neipperg war eitel, als Präsident des Hofkriegsrates unterschrieb er immer  .."Ich, der Feldmarschall Graf von Neipperg" .
In dieser Funktion war er auf seine erfolgreichen Nachfolger im Feld FM M. U. Browne, FM L. Daun und FM G. v. Laudon eifersüchtig und machte ihnen das Leben schwer, vor allem deshalb, weil ihn beide letzteren öfters übergingen und mit höheren Instanzen direkt verkehrten (Daun mit Maria Theresia und Laudon mit Staatskanzler Kaunitz, seinem großen Fürsprecher).
In seinem hohen Alter (Präsident des Hofkriegsrates wurde er mit 71 Jahren) wurde er zunehmend verbittert, was nach seinen langjährigen Erfahrungen im Dienste der Habsburger wohl nicht verwunderlich ist. Er war ein Freund der tollsten Paradoxien und beißender Satirik. Als solcher schonte er sich selbst nicht und erzählte oft mit Ironie, dass er die Erlangung der Präsidentschaft im Hofkriegsrat nur seiner Niederlage bei Mollwitz verdanke. Neipperg hatte einmal gesagt: "...Bei uns gibt es nur deshalb so hohe Generalspersonen, weil wir so viele Schlachten verlieren, wofür diese Herren doch durch etwas getröstet werden müssen..." Sicher hatte er keine gute Meinung von den damaligen Verhältnissen in der Armee.

Harald Skala, 3/2008


Quellen:
-    C. v. Wurzbach, "Biographisches Lexikon des Kaisertums Österreich", Wien, 1856 - 1891
-    Heimatbuch der Stadt Schwaigern
-    Ch. Duffy, "Feldmarschall Browne", Wien, 1966
-    C. Pizzighelli, "Geschichte des UR Nr.6", Wien, 1908
-    W. Edler v. Janko, "Laudon´s Leben", Wien, 1869

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