Alfred Candidus Ferdinand, Fürst zu Windisch-Graetz
(1787 - 1862)
K. K. Feldmarschall

Die Familie stammte ursprünglich aus der Steiermark. Bereits 1242 urkundlich erwähnt, 1551 zu Reichsfreiherren erhoben. 1574 erhielt die Familie das Inkolat in Böhmen und siedelte sich in Südböhmen an. Der Familiensitz wurde später Tachau, mit den Gütern Kladruby, Steken und Mladejovice sowie anderen. 1658 in den Grafenstand und 1804 in den Fürstenstand erhoben. Das ursprüngliche Familienwappen war ein silberner Wolfskopf in rotem Feld.
Vater von Alfred W., Graf Josef Niclas (1744 - 1802) war Dienstkämmerer der Erzherzogin Marie-Antoinette und begleitete sie in dieser Funktion nach Frankreich.
Philosoph, Schriftsteller und Diplomat. Gründete in Tachau das umfangreiche Familienarchiv.
Mutter, die 2. Gemahlin Graf Niclas, war Franziska Leopoldina Prinzessin von Arenberg, die sich nach dem frühen Tod des Vaters um die Erziehung Alfreds kümmerte.
Geboren am 11. Mai 1787 in Brüssel, wandte sich W. schon in früher Jugend dem Soldatenstand zu. Im Juni 1804 wurde er vom Kaiser in das 2. Ulanenregiment Schwarzenberg als Oberlieutenant eingereiht. Bei Beginn des Feldzuges 1805 avancierte W. zum Rittmeister und erlebte im Wernek`schen Korps seine ersten Gefechte. Nach der Kapitulation von Ulm geriet W. in französische Gefangenschaft, während derer er auch einmal Napoleon vorgestellt wurde.
Zurück in Österreich, wurde W. vor Beginn des neuen Feldzuges 1809 zum Eskadronskommandant ernannt, nahm er an der Schlacht bei Aspern teil, wo er durch einen Schuss in den Unterleib verwundet wurde. Nach seiner Genesung zum Major im 1. Ulanenregiment Merveldt ernannt, rückte er zum Korps Kienmayer bei Eger. Im Gefecht bei Gfres am 8.7. schlug W. das Korps Junot und verfolgte es bis Erfurt.
Nach dem verlorenen Krieg widmete sich W. seiner militärischen Ausbildung. Um dem Dienst im Auxiliar Korps Sachwarzenberg an der Seite Napoleons zu entgehen, reichte W. ein Gesuch um Dienstentlassung ein, welches Kaiser Franz I. als unbeschränkten Urlaub erledigte.
1813 wieder zur Armee gerückt, wurde W. als Oberstlieutenant zum 6. Chevauxlegersregiment O`Reilly versetzt, mit dem er bei Penig, Liebertwolkowitz und bei Leipzig focht. Als Kommandant der Vorhut der leichten Division Moriz Liechtenstein rückte W. am 20.12. 1813 bei Lauffenberg über den Rhein.
Im folgenden Jahr übernahm W. als Oberst das Kommando des 8. Kürassierregiments Großfürst Constantin v. Russland mit dem er bei Troyes und Champenoise große Erfolge erzielte. Für seine hervorragenden Leistungen erhielt W. eine Reihe von Orden, so den Maria-Theresia Orden und das russische St. Georgs Kreuz.
Während des Wiener Kongresses war W. mit seinem Regiment in Wien und hatte Gelegenheit die Bekanntschaft hoher Würdenträger verschiedener Länder zu machen.
In den folgenden Friedensjahren widmete sich W. seinem militärischen Berufe und der Verwaltung seiner Güter. 1826 zum Kommandant der Grenadierbrigade in Prag ernannt, einer Elitetruppe, die sich bis 1848 unter seinem Kommando durch ausgezeichnete Leistung bewährte. 1833 bis 1839 als Feldmarschall-lieutenant   und Divisionär in Prag.
Im September 1833 während einer Zusammenkunft Kaiser Franz I. und Zar Nikolaus I. in Münchengrätz mit dem Oberbefehl der dort konzentrierten Truppen betraut, gewann W. die Zuneigung des Zaren, die ihm 1848 zu großen Nutzen sein sollte.
W. war seit 1817 mit Eleonore v. Schwarzenberg verheiratet, die ihm fünf Söhne und zwei Töchter gebar.
Im Sommer 1840 wurde W. kommandierender General in Böhmen, welche Stellung er bis Herbst 1848 bekleidete. In den Herbstlagern 1841 in Kolin und 1846 in Theresienstadt, bei welchen jeweils 40.000 Mann der böhmischen Heeresabteilung der deutschen Bundesinspektion, an der Spitze der Prinz von Preussen, nachmaliger König Wilhelm I. vorgestellt wurden, ließen die hervorragende Schulung, welche die Truppe erfahren hatte, beweisen. W. trat hierbei in ein persönliches Verhältniss zu dem Preussenprinzen.
Den Arbeiteraufstand in den Vorstädten von Prag 1844 konnte W. noch durch persönliche Tapferkeit und überlegenes Handeln auflösen.
Während der Märztage 1848 hielt sich W. in Wien am Hofe auf und wurde Zeuge der dortigen Ereignisse. Bei der vollständigen Ratlosigkeit der regierenden Kreise wurde W. aufgefordert, als Diktator an die Spitze der Regierung zu treten, was er jedoch ablehnte. Er erhielt weitgehende Vollmachten zur Niederschlagung des Aufstandes in Wien und machte sich sofort daran, die nötigen Schritte zu unternehmen. Er veranlasste die Ernennung des Obersten Jellacic zum Banus von Kroatien sowie verschiedene andere Aktionen, um der Bewegung einen mehrwöchentlichen Stillstand zu gebieten. Danach übergab W. seine Vollmachten an das neugebildete konstitutionelle Ministerium und begab sich auf seine Güter in Ungarn.
Die Ereignisse im Mai in Wien riefen W. auf seinen Posten in Prag. Auch dort brodelte es. Seit dem 2. Juni tagte hier der Slawenkongress, der die nationalen Gegensätze noch verschärfte. Es gab Anzeichen, das auf W. ein Attentat verübt werden sollte. Militärische Vorkehrungen für den Straßenkampf wurden getroffen. Am 12. Juni kam es zu einem Zusammenstoß von Studenten mit einer Militärpatrouille in der Nähe der Kommandatur. Schüsse fielen und eine Kugel traf die sich im Gebäude aufhaltende Gattin W`s. so unglücklich, dass sie kurz darauf verstarb. Die Aufrührer begannen Barrikaden zu bauen und die Garnison wurde in Alarmbereitschaft gesetzt.
GM v. Schütte erhielt den Befehl vom Graben gegen die Kettenbrücke vorzugehen.  Die vordringenden Truppen hatten einige Verluste, auch der Sohn W.s, Rittmeister Prinz Alfred W. wurde durch einen Schuss am Bein verletzt.
Am 14.6. erschien in Prag eine Kommission des Wiener Ministerium um das Vorgehen W.s zu untersuchen. Das gab den Aufständischen Aufwind. Die Kommission ersuchte W. den Altstädter Ring, das Kinsky Palais und das Karolinum zu räumen, was auch geschah. W. verlegte seine Truppen an die Abhänge des Hradschin und ließ dort auch Geschütz in Stellung bringen. Die Hofkommission erklärte, die einzige Hoffnung zur Beruhigung der Gemüter läge in der Übergabe des Kommandos an den G.d.C. Graf Mensdorf, der Mitglied der Kommission war. W. wollte dem zustimmen. Kaum war jedoch diese Nachricht unter die Truppe gekommen, als sich Offizier und Generäle versammelten und W. baten, das Kommando nicht abzugeben. Dem stimmte letztlich auch die Kommission zu. W. erklärte den Belagerungszustand und stellte den Aufständischen ein Ultimatum. Als die Zeit ohne Ergebnis verstrichen war, befahl W. die Mühlen der Kleinseite mit Haubitzengranaten zu beschießen. Nachdem auch danach kein Einlenken zu erkennen war, wurde in der Nacht vom 16 bis 17.6 die Alt- und Neustadt mit Bomben, jedoch ohne Brandsatz, beworfen. Am Morgen unterwarf sich die Stadt.
W. führte einen monatelangen Kampf für die Stärkung der Autorität mit dem gegenüber den Ereignissen machtlosen Ministerium in Wien. Auch der Kaiser hatte nicht genügend Durchsetzungskraft, so dass W. zunehmend Kontakt zu der tatsächlich regierenden Kaiserin Anna Maria aufnahm. Auch sein schriftlicher Kontakt zum russischen Zaren hielt an. In einem seiner Briefe schrieb W. dem Zaren, dass Verhältnisse eintreten könnten, in denen seine in Münchengrätz gegebenen Versprechungen zum Tragen kommen könnten.
Am 28.9. wurde Kriegsminister Latour ermordet. Die Wiener Garnison hatte nach mehrstündigem Kampf mit den Aufständischen Wien geräumt. Die kommandierenden Generäle in Österreich, Mähren und Galizien stellten sich unaufgefordert zu W´s Verfügung. Vom Kaiser, der sich in Olmütz befand, wurde W. zum Oberkommandierenden aller kaiserlicher Truppen diesseits des Isonzo ernannt.
Er zog sofort alle zur Verfügung stehenden Truppen nach Wien, dessen Aufständische gut ausgerüstet aus den kaiserlichen Zeughäusern und unter erfahrenen Führer waren (General Bem).  Am 19.10 verlegte W. sein Hauptquartier von Olmütz nach Lundenburg, drei Tage später nach Stammersdorf, von wo aus er die Aufständischen zur Niederlegung der Waffen aufforderte. Dies blieb ohne Erfolg und so wurde um Wien ein Belagerungsring gezogen. Am 28.10 fand der eigentliche Angriff auf Wien statt. Unter FML Jellacicz und FML Hartlieb rückten die Truppen bis Abend zum Invalidenhaus und dem Zollgebäude vor. FML Ramberg rückte gegen die Aufständischen unter Gen,. Bem in der Leopoldstadt vor. Am Morgen des 29.10. bot eine Deputation des Gemeinderates die Kapitulation an.
Zwischenzeitlich war ein Korps ungarischer Aufständischer (Honvéd) im Anmarsch auf Wien. Jellacicz postierte seine Truppen am sumpfigen Ufer der Schwechat, die in Wien abkömmlichen Truppen nahmen Position an den Abhängen des Laaerberges ein. Zu dieser Zeit erhielt W. die Meldung, dass die Wiener Aufständischen die Waffenruhe gebrochen hätten und die kaiserlichen Truppen erneut angegriffen werden. W. disponierte einen Teil seiner Truppen vom Laaerberge nach Wien, während der andere Teil nach Schwechat zog und ordnete die Beschießung von Gumpendorf, Mariahilf und Wieden an. Bei Schwechat trieb die kaiserliche Infanterie, unterstützt von einer bedeutenden Anzahl von Geschützen die Ungarn Richtung Grenze zurück.
Nun befahl W. für den 31.10 den Angriff auf die widerspenstige Stadt. Die Artillerie beschoss die Basteien und die innere Stadt. Um 8 Uhr Morgens den 1.11 wehte bereits die kaiserliche Fahne an der Spitze des Stephanturmes.
Seine Verdienste an der Niederschlagung der Aufstände in Prag und Wien beriefen W. zur entscheidenden Mitwirkung bei der Wahl der neuen Kronräte. Indessen kam es bereits nach kurzer Zeit zu Dissonanzen zwischen ihm und den führenden Staatsmännern, vor allem bez. des weiteren Vorgehen gegen Ungarn. Am 2. 12. 1848 nahm W. an der Tronbesteigung Kaiser Franz Joseph in Olmütz teil, um sich danach an seinen neuen Wirkungsort - Ungarn - zu begeben.
Ein großer Teil der unter kaiserlichen Fahnen dienender ungarischer Regimenter war zu den Aufständischen übergegangen. Die Mehrzahl der Festungen auf ungarischem Gebiet war in den Händen der Aufständischen (nur Arad und Temesvár hielten noch zum Kaiser).
W. stand deshalb nur eine relativ kleine Armee, ohne Feldausrüstung, in der Umgebung von Wien zur Verfügung. Er brachte sie innerhalb von 6 Wochen in operationsbereiten Zustand und begann am 16.12. mit ca. 44.000 Mann seine Operation gegen Ofen. Gleichzeitig marschierte FML Schlick mit Truppen aus Galizien über den Dukla-Paß Richtung Kaschau.
Der Kommandant der ungarischen oberen Donauarmee, Gen. Arthur Görgeyi, hatte drei Verteidigungslinie zwischen Pressburg (Bratislava) und Ofen aufgebaut, die er jedoch alle beim Herannahen der kaiserlichen ohne Verteidigung aufgab. Im Rücken der Österreicher blieb nur die von den Aufständischen besetzte Festung Komorn.
W. rückte nach einigen kleineren Gefechten am 5.1.1849 in Ofen ein und erhielt dort die Meldung, dass FML Schlick Kaschau besetzt hatte.
Görgeyi zog mit seiner Armee über Waizen nach Norden. W. entschloß sich, Görgeyi zu verfolgen. In den Gefechten bei Windschacht und Schemnitz am 12. und 22.1. wurde die Arriéregarde Görgeyi`s zersprengt und ein Teil seiner Artillerie genommen.
Görgeyi nutzte die Abwesenheit FML Schlick, der gegen Tokai gezogen war und besetzte am 10.2. Kaschau, wodurch Schlick gezwungen wurde, sich nach Westen zurückzuziehen.
Die Ungarn unternahmen während des Frühjahrs 1849 vier Offensiven. Die erste unter Führung Dembinski´s entlang der Straße von Miskolcz nach Pest endete mit dem Sieg der kaiserlichen bei Kápolna, die zweite wurde durch die schnelle Konzentration der kaiserlichen zwischen Kecskemét und Czegled vereitelt, die dritte unter Führung Görgeyi`s auch auf der Miskolczer Straße durch die Siege bei Hatvan und Isaszeg beendet. Nur die vierte, die den Entsatz von Komorn beabsichtigte, erreichte ihr Ziel und dass auch nur deswegen, weil durch die plötzliche Abberufung W´s das 4. Korps unter FML Wohlgemut aus seinem ursprünglichen Einsatzgebiet abgezogen wurde.
W. wurde zum Kaiser nach Olmütz berufen. In dieser Zeit der Wirren gelang es den Ungarn verlorenes Gebiet wiederzuerringen. Erst der neue Oberkommandierende FMZ Welden, machte die Befehle des Interimskommandanten rückgängig und beorderte die Truppen in ihre ursprünglichen Positionen. Zwischenzeitlich mussten die kaiserlichen die Belagerung von Komorn aufgeben und sich nach Pressburg zurückziehen.
W. war mit dem Vorgehen der Ministerien seit Langem nicht einverstanden. Noch z. Zt. als er in Ofen weilte, versuchten Minister Bruck und Baron Kübeck ihm die Gedanken des Ministerium  näher zu bringen. W. drohte jedoch mit seinem Rücktritt, falls diese Gedanken verwirklicht werden sollten. Er erklärte mehrmals: "...die Opfer, welche mein Kampf mit der Revolution gekostet, die Taten, die ich während diesem Kampfe vollführt, will ich nicht umsonst gebracht haben..".
Als W. in Olmütz die Lage in Ungarn und die Folgen seiner Entfernung erörterte, wurde ihm geantwortet, dass hierfür sein Antrag auf Eingreifen der russischen Armee ausschlaggebend war. W. antwortete: "...ich habe 30.000 Russen in Galizien zur Deckung meines Rücken verlangt, ich bin entfernt und Sie werden 100.000 Mann brauchen.." Die späteren Ereignisse gaben ihm recht.
W. zog sich auf seine Güter in Böhmen zurück, blieb de jure Oberkommandierender der Armee, übte diese Funktion aber nie mehr aus. Er erschien dann noch in mehreren diplomatischen Missionen, so 1859 in Berlin, wo er im direkten Verkehr mit dem Prinz Regenten von Preussen den Abschluss einer Allianz gegen Frankreich verhandelte. Im gleichen Jahr wurde er zum Gouverneur von Mainz ernannt.
W. starb nach kurzer Krankheit am 21. März 1862 in Wien.
Er stand sein ganzes Leben in unerschütterlicher Treue zum Hause Habsburg, dass er in den revolutionären Zeiten der Jahre 1848/49 durch sein kompromissloses, oft hartes Handeln vor Schlimmerem bewahrte. Seinen Kompromisslosigkeit in schwierigen Situationen und die Standhaftigkeit mit der er sein Vorgehen verteidigte hatten ihm jedoch auch viele Feinde unter den eher zögerlichen Ministerialen geschaffen. Sie brachten ihn am Ende seines Leben um die Früchte seiner Tätigkeit im Dienste der Monarchie.

Die Fam. Windisch-Graetz erwarb 1825 das von Joseph II. im Jahre 1785 säkularisierte  Kloster Kladruby (Westböhmen, unweit der AB Waidhaus - Pilsen) mit den dazugehörigen Gütern und verlegte den Haupt-Familiensitz von Tachov dorthin. A.W. ließ die sterblichen Überreste der Mönche aus der Kirchengruft entfernen und baute sie zur Familiengruft um, in der nun auch seine sterblichen Überreste ruhen. Den neuen Konvent ließ W. in eine Bierbrauerei umbauen, das Sommerrefektorium zu der Windisch-Graetz-Bibliothek, die von Tachov nach Kladruby übertragen wurde. Beim Kauf des Gutes zahlte W. nur einen Teil des Preises, den Rest erließ ihm der Kaiser für seine Verdienste in den Jahren 1848/49.

Harald Skala


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